CDO Interview: Dr. Christian Geiger - CDO der Stadt St. Gallen

June 14, 2019

 

 

 

Herr Geiger, was ist Ihre Position im Unternehmen und was ist Ihr Aufgabenfeld?

C. Geiger: Mein Name ist Christian Geiger, ich bin CDO der Stadt St. Gallen und Verantwortlicher für das Thema Digitalisierung. Digitalisierung kann man hier im städtischen Kontext in zwei Themenblöcken unterscheiden. Der eine ist die Digitalisierung innerhalb der Verwaltung, der andere ist die Digitalisierung im „Ökosystem Stadt“, also die Zusammenarbeit mit Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und anderen dritten Akteuren.

 

Alle reden von Digitalisierung, was bedeutet das in Ihrer Organisation?

C. Geiger: Es geht darum, zu prüfen, wie man das Instrument der Digitalisierung sinnvoll auf bestimmte Themen und auf bestimmte Problemlagen der Verwaltung anwenden kann. Für eine Stadt wie St. Gallen hängt Digitalisierung aber natürlich stark mit „Smart City“ zusammen: Technik kann uns helfen, weniger Ressourcen zu nutzen, verschiedene Daten miteinander zu kombinieren und Services intelligent umzusetzen. Dies erlaubt es auch, partizipative Aspekte in die Dienstleistungen einer Stadt zu integrieren. Es geht also wirklich um eine intelligente Stadt - sich als Verwaltung, aber auch als Stadtbevölkerung zukunftsfähig und innovativ aufzustellen.

 

Welches sind die grössten Blockaden der Digitalisierung einer öffentlichen Organisation, in Ihrem Fall, einer Stadt?

C. Geiger: Digitalisierung erfordert von den Beteiligten ein Umdenken: Es gibt neue Prozesse, neuartige Vorgehen, veränderte Arbeitsabläufe, die letztendlich von den Mitarbeitenden andere Fähigkeiten notwendig machen.

 

Und welche Aufgaben übernehmen Sie in der Digitalisierung?

C. Geiger: Primär unterstütze ich die Dienststellen in der Stadtverwaltung, indem ich die Umsetzung digitaler Projekte erkenne und fördere. Es geht aber auch darum, bestehende Sachen zu hinterfragen, die wir vielleicht schon seit Jahren immer gleich machen. Und natürlich bin ich interner Ansprechpartner für Kolleginnen und Kollegen, wenn sie sagen: „Ich möchte mich im Bereich der Digitalisierung verändern, ich möchte da etwas machen. Wie fange ich am besten an? Welche Projekte, welche Themen sollte ich anpacken?“ Im Weiteren koordiniere ich die Smart-City-Aktivitäten der Stadt St. Gallen strategisch.

 

Wie lange gibt es jetzt Ihre Position, Rolle, schon, und wie gefestigt ist die in der Organisation?

C. Geiger: Die Rolle gibt es, seit ich angefangen habe. Oft wird die Rolle auch in andere Bereiche hineingelagert, was in meinen Augen aber nicht zwingend optimal ist - einfach weil es ein sehr vielschichtiges Thema ist. Es ist eine klassische Querschnittsaufgabe, und diese Querschnittsaufgabe sollte eben nicht direkt in einem IT-Bereich, in einem Personalbereich, in einem Organisationsentwicklungsbereich liegen, sondern sollte jeweils als Querschnittsaufgabe fungieren – aber gleichzeitig eng mit den genannten Bereichen zusammenarbeiten.

 

Hat bald jede Stadt in der Schweiz einen CDO?

C. Geiger: Das wäre schön! Ich gehe davon aus, dass das Thema für die anderen Städte in der Schweiz wichtiger werden wird, dass sie sich damit auseinandersetzen werden und dass sie sich dann überlegen werden, wie sie das Thema für sich am besten organisieren.

 

Was, denken Sie, ist die kritische Gemeindegrösse, die es für einen CDO braucht?

C. Geiger: Ich glaube, das ist weniger eine Frage der Grösse, sondern eher: Wie viele Leute arbeiten in der Organisation? Wie viele Leute sind in der Verwaltung beschäftigt? Ab 200 Leuten ist es sicher notwendig, dass man sich überlegt, ob man da nicht eine Stelle schafft, die sich eben entsprechend mit diesem Thema koordiniert und gezielt auseinandersetzt.

 

Wie wird Ihre Arbeit und Rolle im Unternehmen wahrgenommen?

C. Geiger: Ich glaube, das müssen Sie eher die Kollegen fragen, und erlaube mir die Frage aus umgekehrter Optik zu beantworten: Beispielsweise haben wir den „Smarte Stadt Lenkungsausschuss“ eingerichtet, wo es eben darum geht, die verschiedenen Direktionen, die verschiedenen Themenbereiche in einer Verwaltung, an einen Tisch zu bekommen. Ziel ist dort eben auch, bestimmte Themen, statt in „Silos“, stärker gemeinsam zu entwickeln. Am Anfang gab es schon Fragezeichen: Wie stark mischt man sich wo ein? Aber ich glaube, dass in der wirklichen Zusammenarbeit dann auch deutlich wird, dass es nicht ums Einmischen geht, nicht darum, irgendwie etwas zu bestimmen, wie wer jetzt was genau in seiner Fachdisziplin zu machen hat, sondern dass es darum geht, einfach die bestimmten Aktivitäten, gerade in Bezug auf Digitalisierung, zu koordinieren und eben auch die Synergien zu sehen, die an verschiedenen Stellen in der Stadt liegen.

 

Wo stehen Sie im Digitalisierungsprozess?

C. Geiger: Wir haben diesen Lenkungsausschuss seit Anfang 2018 eingesetzt, und uns noch einmal Gedanken gemacht zum Thema Smart City: Was verstehen wir darunter, wo sehen wir die Themen? Wir haben das Thema „Smart City“ in einzelne Themenfelder aufgebrochen und erstellen im Moment eine Road Map, also gehen da in die Phase, in der wir praktisch die verschiedenen Projekte definieren und nach der Definition auf eine zeitliche Achse bringen.

 

Wo sehen Sie die wichtigsten Hebel und Erfolgsfaktoren in diesem Prozess?

C. Geiger: Die Digitalisierung wird in einer neuen Form der Zusammenarbeit, etwas stärker in die DNA der Stadt eingebracht. Man informiert sich gegenseitig stärker über bestimmte Themen, und die Kollegen beschäftigen sich im Alltag näher und regelmässiger mit digitalen Lösungen und wie diese der Bevölkerung nützen können.

 

Wie würden Sie diese Frage aus Sicht der Bevölkerung beantworten?

C. Geiger: Wichtig ist, Digitalisierung, nicht um der Digitalisierung wegen, zu betreiben. Meistens spürt die Einwohnerin oder der Einwohner gar nicht, wo smarte Anwendungen im Spiel sind. Beispielsweise kann ich, dank Sensorik, den Innenstadtverkehr besonders gut durch die Stadt lenken ohne dass ich davon was konkret sehe. Ich spüre aber, dass ich weniger im Stau stehe und weniger Zeit benötige. Wahrnehmbar wird es dann, wenn ich zum Beispiel Dienste von Smart City einfacher übers Netz buchen, erreichen kann. Wenn ich da nicht mehr ins Amt gehen muss, sondern online bestimmte Sachen buchen, bezahlen kann, wenn ich schnellere Antworten erhalte.

 

Was sind die grössten Hürden?

C. Geiger: St. Gallen gehört in der Schweiz zu den „Smart City“-Pionierinnen. Dies hat Nachteile, aber auch Vorteile: Zum einen fehlen uns „best practices“ nach denen wir uns richten können. Deshalb müssen wir uns laufend überlegen: Wie können wir dieses Thema vereinfachen? Oder sie haben Themen, die an kantonalen Lösungen oder Bundeslösungen dranhängen, wo sie dann einfach sagen müssen: Okay, da warten wir noch auf eine Technologie oder ein Gesetz, bis wir als Stadt in die Umsetzung gehen. Zum anderen können wir unser Wissen in Netzwerken einbringen: Ich denke, es ergibt Sinn, wenn man in bestimmten Themen deutlich stärker zusammenarbeitet - und wir haben eine gute Zusammenarbeit, gerade hier vor Ort innerhalb des Kantons, oder auch unter anderen Schweizer Städten.

 

Welche Veränderungsprozesse müssten Sie vorantreiben?

C. Geiger: Veränderungen sind vielschichtig. Das eine sind natürlich organisatorische Veränderungen, aber auch kulturelle, technologische, finanzielle und auch rechtliche Themen. Von dem her ist die Digitalisierung ein Thema, das auch auf zahlreiche andere Querschnittsthemen Auswirkungen hat.

 

Und wo stehen Sie in dem Prozess mittelfristig, sagen wir in drei Jahren?

C. Geiger: Drei Jahre sind ein guter Zeithorizont, um auch mit den Technologien, die wir heute haben, zu planen. Denn es macht keinen Sinn, eine Smart-City-Strategie auf 30, 35 Jahre zu planen. Was aber Sinn macht, ist, dass man natürlich eine Vision hat, wo wir vielleicht in 15 Jahren stehen wollen. Und sich jetzt strategisch die Instrumente aussucht, die dafür einsetzen sollen, um diese Vision eben zu erreichen.

Da haben wir von der Politik eine Vision für 2030, bei der wir natürlich auch „quer“ auf bestimmte Themen schauen und uns fragen, wo wir diese Vision durch Technologien stützen können.

Wir sind im Moment gerade in Projekten mit einem „Chatbot“ unterwegs, wir forcieren das Thema „Open Data“, wir möchten auch Unternehmen stärker ermöglichen, dass sie prototypische Technologien in St. Gallen ausprobieren. Hierzu haben wir ein sogenanntes „Testfeld St. Gallen“, das wir forcieren wollen. Und genau das, dass wir als Verwaltung nicht schauen, wie wir Sachen verhindern, sondern wie wir bestimmte Themen ermöglichen können ist der eigentliche kulturelle Shift: Wie kann ich Bürger stärker in die Prozesse im öffentlichen Bereich involvieren?

 

Last, but not least: Was würden Sie jemandem auf den Weg geben, der in einer anderen Organisation, in einer anderen Stadt, eine Position wie die Ihre einnimmt oder antritt?

C. Geiger: Man kann nur erfolgreich sein, wenn sie viel kommunizieren, aber nicht nur erklären, was sie machen, sondern auch zuhören, wieso was wie gemacht wird, und eben auch auf die Kunden oder Bürger, je nachdem, was für eine Organisation es ist, hören, was eigentlich die Anforderungen sind. Ich glaube, das ist ein extrem wichtiger Aspekt, der häufig vergessen wird in diesem technologiegetriebenen Thema.

 

Über die Person:

 

Dr. Christian Geiger ist für die Stadt St. Gallen als Chief Digital Officer (CDO) tätig. Seine Themenschwerpunkte liegen in den Bereichen der Digitalisierung, Open Data, Open Government, E-Government und Smart City. Zuvor war Geiger bei der Stadt Ulm für den Bereich "digitale Kommune" verantwortlich. Geiger arbeitete und promovierte am Lehrstuhl für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik der Zeppelin Universität zu Open Government und Open Data. Grundlage seiner Tätigkeiten sind ein Studium der Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz (B.A.) und im Bereich Public Management and Governance an der Zeppelin Universität Friedrichshafen (M.A.).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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